okkyung lee
the most beautiful
noise on earth
von andreas fellinger

„noise ist für mich die persönlichste, individuellste weise, musik zu machen“,
bekennt okkyung lee im interview. wobei sie unter dem begriff noise
alles andere als die unentwegte aufwallung von lautstärke versteht,
das spiel mit lärm, sondern das geräuschhafte ganz allgemein, das
geräusch, das rauschen bzw. „musik, die nicht aufgeschrieben
werden kann“. dieser unakademische zugang reizt die akademisch
ausgebildete cellistin an noise. „alle können lärm fabrizieren.
aber wie sie ihn fabrizieren, das macht den grossen unterschied aus.“

vor allem nach diesem gesichtspunkt hat okkyung lee ihre gäste ausgesucht und
unlimited programmiert. „und, zugegeben, aus rein egoistischen
motiven“, sagt sie offenherzig. „ich habe auch ganz bewusst
musiker eingeladen, die ich selbst unbedingt einmal sehen wollte,
nachdem kollegen mir gegenüber von ihnen geschwärmt hatten. le quan
ninh zum beispiel oder metamkine, oder auch das deoneum ensemble aus
korea.“

apropos korea: 1975 kommt okkyung lee im südkoreanischen daejeon zur welt. schon
als kind wird sie von ihren (damals noch, wie sie betont) begüterten
eltern zum cello-unterricht eingeschrieben. über die fast
paramilitärische strenge des unterrichts wird sie sukzessive
unglücklich. sie will schon damit aufhören, als die eltern der
damals 18-jährigen ihr ein auslandsstudium in den usa vorschlagen
und und ein jahr am berklee-jazzinstitut von boston finanzieren. dort
erzielt sie abschlüsse in den kategorien komposition und filmmusik,
improvisation studiert sie erfolgreich am bostoner new england
conservatory.

im jahr 2000 übersiedelt okkyung lee schliesslich nach new york, wo sie heute
noch einen grossteil des jahres lebt. kleiner nebensatz, nicht ohne
selbstironie: „all losers from korea leave the country and go to
new york!“ bald schliesst sie bekanntschaft mit der downtown-szene
manhattans, vor allem mit der community, die in der knitting
factory
und vor allem im tonic verkehrt. so gut wie
täglich frequentiert sie den club, angetan von der aufregenden musik
und der offenheit ihrer protagonisten. dave douglas ist der erste
musiker, den sie dort näher kennenlernt, sie nimmt am workshop des
tiny bell trios teil, das sich mit douglas' musik beschäftigt. kurz
darauf hört sie erstmals masada – und lernt damit john zorn
kennen, der für lee's weitere zukunft keine unwesentliche rolle
spielen sollte. sie musiziert in zorn's cobra-ensembles und gastiert
später oft in seinem club the stone. zorn ist es auch, der
zwei solo-platten von okkyung lee auf tzadik veröffentlicht: nimh
(2005) und noisy love songs (2011).

darüber hinaus begegnet sie leuten wie derek bailey, fred frith, zeena parkins,
anthony coleman, shelley hirsch, thurston moore, laurie anderson und
vielen anderen mehr – etwa butch morris, der sie zu ihrer ersten
europatournee einlädt, die bei der biennale von venedig ihren
ausgang nimmt. ab da wirkt sie gleich mehrmals an morris' conductions
mit. und um sich nicht von improvisierter musik einseitig zu
ernähren, musiziert(e) sie gern mit popmusikern, für die sie dienst
nach noten leistet. „in letzter zeit mache ich das immer weniger“,
sagt sie, „aber es gefällt mir grundsätzlich gut, weil sich das
in einer ganz anderen welt abspielt.“

in aktuellen ensembles kooperiert okkyung lee etwa mit dem turntable-visionär
christian marclay, mit c. spencer yeh, peter evans und vijay iyer,
aber auch mit evan parker und lasse marhaug, der okkyungs aktuelle
soloplatte ghil produziert hat, und zwar mit uralten
mikrofonen und kassettenrekordern. „eines tages ist lasse zu mir
gekommen und hat gesagt, er will musik von mir aufnehmen, aber sicher
kein glattes cello-album. und da ich lasse rückhaltlos vertraue,
sowohl als musiker als auch als mensch, habe ich selbstverständlich
eingewilligt.“ marhaug lässt sie daraufhin an obskuren orten in
oslo und irgendwo draussen in den hügeln rund um oslo spielen.
„mein freund stephen o'malley hat diese aufnahmen dann auf seinem
label (editions mego; anm.) veröffentlicht.“

okkyung lee, die übrigens immer noch ausschliesslich ihren koreanischen reisepass ihr
eigen nennt, hat, so sagt sie im gespräch, über die jahre gelernt,
nicht mehr allen einladungen zu folgen, sondern auch einmal nein zu
sagen. seither weiss sie besser, was sie tut und was nicht. zum
beispiel? „ich bin einfach keine freejazz-musikerin, auch wenn ich
mit leuten spiele, die aus dieser szene kommen.“ auffallend oft
werde sie von musikjournalisten gefragt, ob sie in ihrer musik etwas
von sich selbst preisgebe, ihre gefühle offenlege. okkyung lee:
„nein, verdammt, es geht mir in der musik überhaupt nicht um
emotionen. das fragen die nur, weil ich ein mädchen bin. kein
mensch käme auf die idee, das einen mann zu fragen.“ wir merken
schon, diese junge frau hat pfeffer im popo. die energie sprudelt nur
so aus ihr, denken und reden gehen rasend schnell – und für ihre
musik gilt erstens „mich interessiert weniger das fertige produkt
als vielmehr der prozess seiner entstehung“ und zweitens „i just
want to try something different, to break away from what i've done
before.“ schlussfolgerung: okkyung lee ist er durchaus zuzutrauen,
der schönste noise dieses planeten.

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andreas fellinger aka felix
herausgeber des magazins "freistil"
http://freistil.klingt.org