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Biography
PETER BRÖTZMANN
von Peter Stubbley

Geboren in Remscheid, Deutschland am 6. März 1941; Sopran-, Tenor-, Bariton- Bass- und Altsaxophon; A-Klarinette; Es-Klarinette, Bassklarinette, Tárogató.

Als Student der Kunsthochschule Wuppertal galt Peter Brötzmanns frühe Leidenschaft der Malerei. Unzufrieden mit der Galerien- und Ausstellungssituation im Bereich der bildenden Kunst fand er bald größeren Gefallen am gemeinsamen Musizieren mit Semi-Professionellen Musikern, gab die Malerei jedoch nie völlig auf (und behielt sich damit auch ein gewisses Maß der Kontrolle über seine eigenen Plattenveröffentlichungen - insbesondere durch die Gestaltung eigener Plattenhüllen und CD - Booklets). Seine Heimatstadt Remscheid widmete ihm gemeinsam mit Han Bennink eine große Retrospektive, die in zwei separaten, jedoch mit einem Glaskorridor verbundenen Gebäuden stattfand.

Brötzmann erlernte autodidaktisch Klariniette zu spielen, wechselte bald zum Saxophon und spielte Swing und Bepop, bis er auf Peter Kowald traf. In den Jahren 1962 und 1963 spielten Brötzmann und Kowald regelmäßig mit verschiedenen Schlagwerkern – Musik von Mingus, Ornette Coleman etc. – und sammelten via Stockhausen, Nam June Paik, David Tudor und John Cage Erfahrungen musikalischer Freiheit aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Mitte der 60er Jahre spielte er mit amerikanischen Musikern, etwa Don Cherry und Steve Lacy und kehrte nach einem Aufenthalt in Paris mit Don Cherry nach Deutschland zurück, wo sein unorthdoxer Zugang zur Musik Anerkennung unter heimischen Musikschaffenden wie Alex von Schlippenbach und Manfred Schoof fand.

1965/66 begannen die Auftritte des Trios von Peter Brötzmann, Peter Kowald und Sve Ake Johansson, wobei eine Kombination aus dieser Formation und dem Schoof/Schlippenbach Quintett den Anstoß zur ersten Auflage des Globe Unity Orchestras lieferte. Nachdem er seine ersten beiden LPs, “For Adolphe Sax” und “Machine Gun” für sein eigenes Label “BRÖ” selbst produziert hatte, und die Aufnahme „Nipples“ bei Manfred Eichers “Jazz by Post “ (JAPO) herausbrachte, sowie diverse Konzertaufnahmen mit Gruppen von unterschiedlicher Größe veröffentlicht worden waren, arbeitete Brötzmann mit Jost Gebers und gründete mit diesem das FMP Label. Er begann außerdem regelmäßig mit niederländischen Musikern zu spielen, und war kurze Zeit mit Willem Breuker und Han Bennink tätig, bevor er ein Trio mit Han Bennink und Fred Van Hove gründete, das lange Zeit bestehen sollte. Als Trio, und auch in Erweiterung um andere Musiker, sofern diese mit der Musik Schritt halten konnten (Albert Mangelsdorff zB. im Zuge des Berlin Concerts), bestand die Formation bis Mitte der 70er Jahre, wobei Brötzmannn und Bennink auch danach weiterhin als Duo und in Kombination mit anderen Musikern auftraten und Aufnahmen veröffentlichten. Brötzmann blieb mit Harry Miller und Louis Moholo auch Teil eines Trios, wobei diese Formation aufgrund des frühzeitigen Todes Harry Millers nur kurz bestand.

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Brötzmanns viertes Jahrzehnt als Performer von Free Jazz und improvisierter Musik brachte – wenn auch nur auf Tonträger – eine Liste von Zusammenarbeiten und freien Musikerkombinationen hervor, die nichts weniger als die größten Namen des Genres vereint: Derek Bailey (inklusive Auftritte mit der “Company” (zB. Incus 51), Cecil Taylor, Fred Hopkins, Rashied Ali, Evan Parker, Keiji Haino, Misha Mengelberg, Anthony Braxton, Marilyn Crispell, Andrew Cyrille, Phil Minton, Alfred 23 Hart oder Tony Oxley.
Der Sound von Peter Brötzmann ist unverwechselbar, lebensbejahend und eine der freudigsten musikalischen Ausdrücke überhaupt – sein Spiel wurde von jeher als energiegeladen beschrieben, und die Power-Rock Besetzung von “Last Exit” mit Sonny Sharock und Bill Laswell, oder die Duo-Performances mit seinem Sohn Caspar bestätigen diese Bezeichnung. Die Vielfalt von Brötzmanns Spiel und seinen Projekten wird oft weniger anerkannt: die Bandbreite seiner Solo-Performances, seine mittleren bis großen Gruppenformationen und, trotz all der Improvisationsarbeit, seine musikalische Beständigkeit, die sich auf einen Corpus gleichgesinnter Musiker stützt: die Gruppe “Ruf der Heimat”; Pianist Borah Bergmann; Schlagzeuger Hamid Drake, und “Die like a dog”, sein Albert Ayler Tribut-Pojekt mit Drake, William Parker und Toshinori Kondo.
Brötzmann hat nach wie vor einen dichten Tourplan, der ihn seit 1996 regelmäßig nach Japan und Chicago führt, wo er in den verschiedensten Formationen, vom Solo, über Duos (zB. Mit Mats Gustafsson im Jahr 1997), bis hin zu großen Gruppen wie etwa dem Chicago Tentet (siehe unten) aufgetreten ist.
Außerdem hat er eine Reihe von CDs beim Chicagoer Label Okka Disc veröffentlicht, darunter Aufnahmen seines exzellenten Trios mit Hamid Drake und dem Marokkaner Mahmoud Gania, der beizeiten wie ein weit entfernter Muezzin klingt, der die Gläubigen aufzufordern scheint, sich im Rhythmus der Musik zu verlieren.

Das “Chicago Tentet” formierte sich erstmals im Jänner 1997, initiiert von Brötzmann mit Hilfe des Musikers, Publizisten, Veranstalters John Corbett mit der Vorstellung, eine einmalige Performance als Oktett unter Mitwirkung von Musikern wie Hamid Drake und Michael Zerang (Schlagwerk), Kent Kessler (Bass) und Fred Lonberg-Holm (Cello), Ken Vandermark und Mars Williams (Reeds) und Jeb Bishop (Posaune) zu organisieren. Das erste Aufeinandertreffen der Gruppe gestaltete sich so extrem kraftvoll, dass es den Beteiligten legitim schien, sich länger damit auseinander zu setzen, sodass im September des gleichen Jahres die Band um die Musiker Mats Gustafsson (Reeds) und Joe Mc Phee (Brass, Reeds) als fixe Mitglieder erweitert wurde. Gleichzeitig kam es zu Gastauftritten von William Parker (Bass), Toshinori Kondo (Trompete/Electronics) und Roy Campbell (Trompete) – alles in allem ein wahrhaftiges who-is-who der Spitze der gegenwärtigen Improvisationsmusik.
Obwohl das Tentett offensichtlich von Brötzmann geführt, und von seinen ästhetischen Vorstellungen geleitet wird, war es ihm von Beginn an ein Bedürfnis, die Kompositionen anderer Mitglieder aufzunehmen und zu nützen.
Dieses Vorgehen erlaubte es der Band, eine weite Bandbreite an strukturellen und improvisatorischen Taktiken zu ergründen: vom Dirigieren durch Mats Gustafsson und Fred Lonberg-Holm zu den improvisierten Stücken von Michael Zerang und Hamid Drake, von den Kompositionen Ken Vandermarks und Mars Williams', die sich einer konventionellen Notation bedienen, hin zu Brötzmanns graphischen Notenbildern – die Gruppe wendet beinahe jede zeitgenössische Methode an, die es gibt, um Kompositionen für improvisiertes Spiel zu erstellen. Diese Vielfalt im kompositorischen Stil, plus die unterschiedlichen Zugänge zur Improvisation ermöglichen es dem Tentett, eine extrem facettenreiche Musik zu spielen.
Von Stück zu Stück entwickelt die Band eine eindringliche musikalische Kraft, die von einer reduzierten Innenschau bis zu mächtigen Geräuschwänden reicht, und Rhythmen, die sich von der Absenz jeder Regelmäßigkeit bis zum schwer stampfenden Groove erstrecken. Es ist offensichtlich, dass die ökonomische Herausforderung, eine große Band am Laufen zu halten, die Gruppe nicht davon abgehalten hat, seit dem ersten Treffen miteinander zu arbeiten. Diese Arbeit ermöglichte es der Gruppe, einen originären Klang zu kreieren, sowie eine Tiefe der Kommunikation zu entwickeln, dem in dieser Weise schwer eine andere Gruppe der zeitgenössischen Musikszene gerecht werden kann.
Seit einigen Jahren arbeitet nun das Chicago Tentet mit elf fixen Mitgliedern (Peter Brötzmann, Ken Vandermark, Mats Gustafsson, Per-Ake Holmlander, Joe Mcphee, Jeb Bishop, Johannes Bauer, Fred Lonberg-Holm, Kent Kessler, Michael Zerang und Paal Nilssen-Love).

Im Jahr 2005 wurde Brötzmann der Von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal verliehen, nachdem er bereits 1971 den Förderpreis erhalten hatte.
Auf dem New Yorker Vision Festival 2011 erhielt er den Lifetime Achievement Award.
Peter Brötzmanns Diskographie weist bis zum Jahr 2010 über 220 Aufnahmen
aus (Beteiligungen und unter eigenem Namen).

Die Wuppertaler Galerie Epikur widmete ihm im Frühjahr 2011 die Ausstellung
„Arbeiten, 1959 – 2010“.
Im Sommer 2011 erschienen zwei filmische Arbeiten, die sich mit Brötzmanns
Schaffen auseinandersetzen:
"Brötzmann", Regie: René Jeuckens, Thomas Mau und Grischa Windus, D, 80 min.
und „Soldier of the Road“, Regie: Bernard Josse, F, 93 min.

Peter Brötzmann wurde im September 2011 mit dem „Albert Mangelsdorff-Preis“ (Deutscher Jazzpreis) ausgezeichnet.

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